Archiv der Kategorie: Valencia

Botanischer Garten Valencia

Poblats marítims (Poblados marítimos)

Die fünf Viertel Cabanyal-Canyamelar (Cabañal- Cañamelar), el Grao, la Malva-rosa (la Malvarrosa), Beteró und Natzaret (Nazaret)  waren nicht immer Teil der Stadt Valencia, sondern sind allesamt ehemalige Fischerdörfer. Zusammen bilden sie heute die Poblats marítims (Fischerdörfer), verwaltungstechnisch zählen sie zum 11. Bezirk der Stadt (distrito n° 11).  Und sie liegen, wer hätte es gedacht, direkt am Meer.

La Cremà

La nit de la Cremà (La noche de la Cremà):Die Cremá läutet das Ende der Falles (Fallas) ein. Jedes Jahr werden am Abend des 19. März die in den Strassen aufgestellten Fallas feierlich verbrannt. Dem Anzünden der jeweilgen Falla geht ein Feuerwerk voraus, das von der Fallera Mayor und dem Presidente der jeweiligen Falla entzündet wir, im Fall der Falla infantil von der Fallera Mayor Infantil und dem Presidente Infantil. In Valencia werden die Fallas Infantiles (bis auf den Gewinner der sección especial, die als letzte der Infantiles an der Reihe ist) werden um ca. 22 Uhr verbrannt. Ab ca. 23 Uhr werden die „grossen“ Fallas verbrannt, als letzte die Gewinnerin der sección especial. Den Abschluß der Cremà bildet das Verbrennen der Falla auf dem Rathausplatz um 1 Uhr morgens. Diese Falla nimmt als offizielle Falla der Stadt Valencia nicht am Wettbewerb teil.

Sequer Lo Blanch

Will man in Valencia Orxata trinken, wird einem stets das Daniel’s empfohlen. Die Orxata dort ist lecker, keine Frage. Und der Laden ist nett, wenn auch meistens ziemlich überlaufen. Viel empfehlenswerter aber finde ich die Orxatería Sequer Lo Blanch. Die befindet sich ebenfalls in Alboraia, nur ein kleines Stück weiter draußen, das ist das Schöne. Alboraia ist ein Dorf nördlich von Valencia, mitten in der Horta de Valencià und im Zentrum der Erdmandelproduktion. Gerade der Stadt entronnen, fährt man ein kurzes Stück die Straße hinunter, vorbei an Erdmandelfeldern und Bewässerungsgräben. Und dort liegt die Orxatería. Inmitten von Feldern. Das ist etwas Besonderes. Ich kenne keine andere Orxatería, die sich nicht in ein kleines Lokal in der Stadt quetscht, weit entfernt von jedem Feld. Betonoasen, gedrängt, laut, voller Hektik. „Horchaterías de asfalto“, wie José Belloch, der Besitzer des Sequer Lo Blanch sie nennt.

José Belloch hat spannende Ansichten. Er hat sich die Wiederaufwertung der Horta aufs Blatt geschrieben. Seine Familie kultiviert seit Generationen die Felder in Alboraia. Er selbst war lange als Zwischenhändler für den Verkauf der Erdmandeln an die großen Firmen der Milchwirtschaft verantwortlich und musste zusehen, wie durch Fusionen ein Oligopol entstand und die Gewinnspanne immer schmaler wurde. Er beschloß damals, der industriell hergestellten Orxata den Rücken zu kehren und sich wieder auf die traditionelle Herstellungsweise mit hauseigener Verfertigung zu besinnen.

Vor acht Jahren erstritt er sich vorm Europaparlament die Genehmigung zur Umwandlung seines ehemaligen secadero (so eine Art Scheune zur Trocknung der Erdmandeln) in ein Lokal. Ein Lokal zwischen den Erdmandelfeldern und gleichzeitig ein Projekt zur Rettung eines vom Niedergang bedrohten Gebietes. Seine Vision kam einer Kampfansage an die klassischen Asphalt-Orxaterías gleich. „Alles redet von der Rettung der Huerta, in Wirklichkeit ist alles nur vorgeschoben und die tatsächliche Rettung wird verhindert.“

José Belloch apelliert an die Landwirte. Die Produktion von Erdmandeln in Valencia decke nur die Hälfte des Bedarfs. Diese Nachlässigkeit ist unverzeihbar. „Die Bauindustrie hat der Huerta sehr geschadet, doch die die Aufgabe der landwirtschaftlichen Betriebe ist noch viel verheerender.“ Denn was nützen alle Fördergelder und Sympathiebekundungen, wenn es keinen Nachwuchs gibt, der die Höfe der Huerta übernehmen möchte.

Der Familienbetrieb ist wieder zur traditionellen Herstellung zurückgekehrt. Alle Verarbeitungsschritte, vom Anbau der xufas (ich schreibe jetzt wieder xufas (valencianisch) oder chufas (spanisch), weiß ja jeder, dass Erdmandeln gemeint sind. Mir fällt es so schwer, mich in diesem Zusammenhang des ungewohnten deutschen Wortes zu bedienen.), über die Trocknung bis zur Herstellung der Orxata, finden im Sequer Lo Blanch oder in enger Zusammenarbeit mit ortsansässigen Bauern statt. José Belloch verbindet traditionelle Anbaumethoden mit neuen Vermarktungsstrategien und schwört auf ein nachhaltiges und althergebrachtes Verfahren in cambras, Trockenscheunen, in denen die xufas zwischen 18 und 30 Monaten Zeit haben zu reifen, unter natürlichen Bedingungen. Der Sequer Lo Blanch war ehedem selbst so eine Trockenscheune. Heisst ja auch so. Sequer ist valencianisch für diese Art von Scheune. Blanch heißt weiß und Cremeweiß (bis hin zu einem feinen gräulichen Weiß) ist die fertige Orxata.

Da die Valencianer ihr Auto (leider) lieben, oder zumindest die bequeme Fortbewegung: es gibt dort einen Parkplatz. Keine nervtötende Suche nach einem Platz in der zweiten oder dritten Reihe. Wahrscheinlich ist Summe „Vom Zentrum zum Sequer Lo Blanch plus Parken“ geringer als „Asphaltorxatería plus Parken im Zentrum“. Schöne Mieträder gibt es jetzt auch in der Stadt und Alboraia ist an die Metro de Valencia angebunden, sagt die deutsche, dogmatische BesserwisserÖkoTussi in mir.

Für Menschen mit Kindern sei noch gesagt: Sogar der Spielplatz, den man von allen Tischen der Terrasse überwachen kann, ist für spanische Verhältnisse großartig. Es gibt nämlich Schaukeln, ein Trampolin, Kletterseile, eine Slackline und einen Baumstamm. Bitte sehr. Weniger asi geht fast nicht.

Und noch etwas, vielleicht nicht ganz Unwichtiges: Das ist vielleicht Geschmackssache, aber ich finde die Orxata im Sequer Lo Blanch großartig. Ebenso die Leche merengada. Aber, und das mag jetzt übertrieben klingen, muss aber noch angemerkt werden: es gibt dort die besten Fartóns der Stadt.

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Sequer lo Blanch – Gastronomía de la Huerta | Camino hondo 23, 24 | 46120 Alboraya

 

 

Im Nelkengewitter

Valencia hat den Tourismus für sich entdeckt. Was früher als weiteres Fest im Jahreslauf willkommen geheißen wurde, wird heute von der Stadt als Event zelebriert.

Das geht nun schon seit ein paar Jahren so. Hält uns aber nicht davon ab, zur Batalla de flors zu gehen. Die Batalla de flors beendet traditionell die Feria de Julio in Valencia und findet immer am letzten Sonntag im Juli statt. Ort des Geschehens ist die Alameda, gegenüber vom Haupteingang zu den Víveros.

Ganz gegen unsere Gewohnheit kommen wir viel zu früh dort an und finden auf Anhieb einen Parkplatz.Die Alameda ist abgesperrt und eingezäunt, die mehrspurige Hauptstraße hat sich in eine  breite Bahn, gesäumt von einer Absperrung an beiden Seiten, in die teilweise Logen für das zahlende Publikum eingebaut sind. Wie man zu den Karten kommt, weiß ich nicht genau. Unsere Nichte ist Aspiranten auf den Platz der Fallera Mayor de Valencia und alle Mädchen, die sich zur Wahl gestellt haben, fahren auf den Wagen mit, die zur Prozession der Batalla de Flors gehören. Für Familienangehörige gibt es anscheinend eine bestimmte Anzahl an Plätzen.

Alles ist trotz Werbung und Organisation von Seiten der Stadt überschaubar. Zwei Verkaufsstände haben sich angezeckt: wir decken uns mit Horchata und gegrillten Maiskolben ein und gehen zu unseren Plätzen. Ich bin beeindruckt. Wir haben abgetrennte Boxen nebst bereitgestellten Stühlen und je zwei Kisten voller Blumen für die Schlacht.

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Pferderennenambiente.

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Die Parade beginnt. Angeführt von einer Kapelle und Reitern in der ehemaligen Festtagskleidung der valencianischen Bauern (der L’Horta de València)  und Dame auf noch prunkvoller geschmückten Pferden.

Darauf folgen die Themenwagen: knapp 50 Wagen, mit Blumengebilden zu verschiedenen Themen. Auf jedem Wagen thront eine Gruppe von Falleras, entweder in der tradtionellen Tracht oder passend zum Thema des Wagens verkleidet. Erdacht und erbaut werden die Wagen von artistas falleros, denjenigen, die sich auch für die Fallas-Gebilde verantwortlich zeigen.  Dazwischen fahren noch ein paar mit Blumen geschmückte Landauer und ein paar kleine Ein- und Zweispänner. Die schönsten Wagen einer jeden Kategorie gewinnen einen Preis. Dazu fahren die Wagen eine ganze Weile die Alameda herauf und herunter, bis die Sieger ermittelt sind. Dann fahren sie wieder eine ganze Weile die Alameda herauf und herunter, damit alle die Gelegenheit bekommen, die Sieger zu beachten. Am Anfang ist das sehr schön, am Ende etwas ermüdend. Mir gefallen die Pferde am besten. Stämmige kleine Kaltblüter mit hübschen Köpfen und beeindruckenden Hufen. Auch ein paar schickere Warmblüter. Daneben leichtfüßig und in Espargatas die Pferdeführer.

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Als es schon dämmert endlich das Signal: Mit Böllern wird die Schlacht eingeläutet. Alles stürzt sich auf den Nelken und beginnt, die Leute auf den Wagen zu bewerfen, die ihrerseits raushauen, was an Munition auf den Wagen liegt. Die Karossen ziehen weiter ihre Runden, drehen die Musik auf und werfen, was das Zeug hält. Solange bis nichts mehr da ist. Ein letzter Böller läutet das Ende der Schlacht ein. Ein paar Kinder stürmen die Alameda und bewerfen sich halbherzig mit den Resten der Blumen. In der Ferne klappern die Wagen der Müllmänner.

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Azúd de Moncada – Nach uns die Sintflut

Heute waren wir am Azúd de Moncada. Ein Staudamm am Guadalquivir. Guadalquivir, oder río Turia oder río Blanco, auf jeden Fall der Fluss, der ehemals durch Valencia floss. An dieser Stelle ist er nicht sehr breit und die Stelle war bei uns ein beliebtes Ausflugsziel. Ich war schon ein paar Jahre nicht mehr dort. An einen Parkplatz konnte ich mich nicht erinnern. Gibt es jetzt. Inzwischen schon wieder zugewuchert, teilweise so, dass man sich mit einer Machete einen Platz zum Parken erschlagen müsste. Ein anderer Teil ist frei und wird regelmäßig genutzt. Von Hundbesitzern, Radsportlern, Bauarbeitern, die nebenan das Land erschliessen und neue Luxus-Chalets bauen. Es gibt jetzt auch ein paar betonierte Wege. Auch einen Spielplatz. Mit Spielgeräten von der Art, wie sie sich Erwachsene für Kinder ausdenken. Ob sie jemals von einem Kind genutzt wurden, lässt sich nicht sicher sagen. Das Ganze sieht nur noch bedingt nach Spielplatz aus.

Der Guadalquivir ist ein – an dieser Stelle – ein sehr kleiner Fluss. Ein Fluss! Nicht tief, nicht breit. Mit einem Staudamm. Eigentlich genau richtig zum Füße reinhängen, baden, waten, angeln … Also, glaube ich, ich bin kein Angler. Aber die Kinder haben ihre Netze mitgenommen, um Krebse zu fangen. Nebenbei schwimmen einem Fische von einer Größe um die Beine, dass man vielleicht auch lieber gar nicht wissen möchte, wie groß die an den tieferen Stellen so sind. So Schisser wie ich wollen das nicht wissen. Die Kinder wollen.

Es gibt also das Wasser, in dem es kreucht und schwimmt. Es gibt eine Brücke. Von der kann man die Welt von oben betrachten. Man kann auch von oben nach unten rauschen. In der Mitte des Brückengeländers fehlen die Schrauben. Das Brückengelländer lässt sich das Brückengeländer jetzt durchdrücken, wenn man sich so ans Brückengeländer lehnt, wie man das meistens macht. Die Brücke ist nicht untief.

Man kann versuchen, die Fische zu fangen. Man kann auch an der gefährlichsten Stelle von einem Ufer zum anderen waten. Und dabei reinfallen. Und dabei seine Sandale verlieren und eine wilde Verfogungsjagd beginnen. Und all diese Sachen, die Kindern einfallen. Erwachsene scheinen zu glauben, dass man an so einem Ort einen Spielplatz braucht.

Nachdem die Kinder diese schöne und nützliche EU-Sbubention (das weiß ich gar nicht, aber in Spanien stösst man manchmal auf rätselhafte Strassen und  Projekte im Niemandsland – und dann steht da meistens irgendwo ein Schild mit dem Hinweis auf eine EU-Förderung) links liegen gelassen haben, verschwinden sie in der valencianischen Uferfauna.

Am Flussufer wächst etwas. Sumpfpflanzen, Sträucher, Blumen, Bäume. Zum Herumstrolchen, Erkunden, Erforschen.

Natur. Sogar sehr ansprechende. Auch für Erwachsene. Man könnte da stehen und staunen. Darüber, wie atemberaubend die Samenstände von Feuchtwasserpflanzen sind, die sich wie rosa Wolken über dem meterhohen Schilf ausbreiten. Oder über die winzigen Blüten der Kletterpflanze, die sich wie ein Teppich aus weißen Sternen über den Boden ergießt. Darüber, wie die Pinien todesmutig am äußersten Rand der Klippen thronen. Man könnte begreifen, was unberührte Schönheit bedeuten soll, wenn sich plötzlich und unwerwartet inmitten all des Grüns eine Oleanderkönigin räkelt. Rosarot in ihrer wilden Form, wie Dornröschen, die gerade aus ihrem hundertjährigen Schlaf erwacht ist.

Die Erwachsenen müssen sich geärgert haben. Der schöne Spielplatz fand keinen Beifall. So haben die Erwachsenen beschlossen, etwas Neues daraus zu machen. Eine Müllhalde.

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Man sieht gar nicht alles. Weder das ganze Ausmaß Massen an Müll, noch, was dort alles angeschleppt wird: alte Matratzen und Schranktüren, ein halbes Bett, Plastiksäcke, Plastiktüten, Plasikflaschen, Glasflaschen Dosen, Schuhe, Windeln, ausgediente Kleidungsstücke, dazu die passenden Kleiderbügel …

Eigentlich ein Paradies für Kinder. Zum Buden bauen und so . Wenn es nicht so eklig wäre.

Spielplatz

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Böschungsfund

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Uferpromenade

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An einigen Stellen behauptet sich die Schönheit.

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Die Oleanderkönigin (Nerium oleander).

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Auch sehr praktisch

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Hat noch jemand Lust auf Melone?

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Fallas de Valencia 2016

Warum geht das immer so schnell? Vor ein paar Tagen steckten wir noch mittendrin, jetzt sitze ich hier und gucke mir nur noch Fotos an. Die Fallas sind vorbei. Die Straßen sind leer. Nein. Voll. Voller Autos. Verkehr. Der ist in Valencia lebensgefährlich. Ich glaube, das ist überhaupt das beste an diesem Fest. Dass eine Woche lang fast die gesamte Innenstadt für jeglichen Verkehr gesperrt ist. Die Straßen gehören endlich wieder uns. Alle gehen zu Fuß  und es ist gar nicht so heiß. Gar nicht so weit. Gar nicht so schlimm. Die Kinder können alleine nach unten gehen. Sie können sogar alleine vor die Tür gehen. Und auf der Straße spielen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein eingesperrter Tiger. Öffne ich unten die Tür, zischen die Autos an mir vorbei. Ein Windstoß bringt mich zum Taumeln, ich falle schwankend auf die Straße und der nächste Bus fährt mich zu Brei. Die Stadt gehört den Autos. Warum lassen wir das zu?

Aber das war gar nicht mein Thema. Es ging um die Falles. Ja, die Falles … Es gibt so viele Facetten, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Die heilige Familie auf dem Sofa trinkt Bier, guckt Fußball. Ich frage sie, wo ich anfangen soll. Fehler. Jeder hat einen Beitrag und ich verstehe nichts bei dem Geschrei. „Fallas por dentro“, nenn es „fallas por dentro“. Hatte ich auch schon überlegt. Aufdröselung in „Falles por dentro“ und „falles por fuera“. Por fuera, also aus der Außenperspektive heißt soviel wie: man zieht von morgens bis abends durch die Stadt und besucht alle, wirklich alle, großen Fallas, sitzt spätestens eine Stunde vor Beginn der Mascletà auf einem mitgebrachten Hocker vor dem Rathaus, berauscht vom Lärm torkelt man weiter, stolpert vorbei an böllerwütigen Kindern, fühlt sich wie im Krieg, bleibt stehen – eine Horde von Falleros zieht vorüber, im Gefolge die hauseigene Kapelle, Kinder tanzen zum Himno de Valencia, die Prozession bleibt ebenfalls stehen, um eine benachbarte Falla mit hauseigener Kappelle im Gefolge vorbeihampeln zu lassen, man steht stundenlang am Straßenrand, um die prozessierenden Falleros zu bewundern, die Kleider, den Haarschmuck, die Schuhe, die Stoffe, die Farben, nachts zieht man durch die prämierten Calles Iluminadas, rennt zur Nit de Foc und zum Gratiskonzert im alten Bett des Turia, trinkt Bier, ißt Paella, tunkt Buñuelos in flüssige Schokolade.

Fallas aus der Innenperspektive: Leben auf der Straße. Die Woche der Wohnung als Munitionslager. Dorthin geht man nur um Nachschub zu holen: frische Klamotten, Böller, Geld. In der Innenstadt ein Strom aus Menschen. Wirklich, Massen. Aber nicht so deeskalierte Massen wie bei anderen Festen in anderen Städten. Karneval zum Beispiel. Dort scheint das Hauptziel saufen zu sein. Ich mag saufen. Aber nicht, wenn einem zu einem Fest kein anderes Schlagwort als Saufen einfällt. Saufen kann man hier aber auch ganz gut. Aber auch ganz viel anderes. Und jetzt wird es kompliziert. Das ganz Fest heißt „les Falles“, Falles, das ist valencianisch, die Muttersprache der Region. Auf spanisch heißt es Fallas. Nicht sehr weit entfernt. Ein Hauptbestandteil sind große Figuren, ja ganze Figurengruppen, manchmal so groß wie ein Haus, ehemals aus Pappmaché, mittlerweile aus streitbareren Materialien. Sie sind Dreh- und Angelpunkt, werden besucht, bestaunt, prämiert – und am Ende verbrannt. Dazu später mehr. Jede Falla (Skulpturengruppe) gehört zu einer Gruppe von Leuten, einer Art Verein, meistens sind das die Bewohner von ein und mehreren Straßen, die sich zusammengschlossen haben. Gemeinsam treffen sie Beschlüsse, wählen den Künster aus, der die Falla (Skulptur) entwirft und baut und kümmern sich überhaupt um die gesamte Organisation. Jede Falla stellt jedes vier Repräsentanten: Eine Fallera Mayor, eine Frau, meistens jung, ist aber keine Bedingung, die zu allen offiziellen Akten gehen muss, begleitet wird sie vom Presidente. Das gleiche gibt es nochmal in klein: eine Fallera mayor infantil und einen Presidente infantil. Ein Mädchen, ein Junge. Dergleichen gibt es in jeder Falla (Verein) auch eine Falla infantil (Skulpturengebilde), die Falla für die Kinder. Dieses Skulpturengebilde ist aufgebaut, wie das große, aber kleiner und meistens mit niedlichen Motiven, die Kinder vermeintlich ansprechen. Jede Falla stellt ein Festzelt in eine Ecke oder mitten auf die Kreuzung, jederzeit Treffpunkt für diverse Aktivitäten: Frühstück, Mittagessen für die Kinder, Mittagessen für die Erwachsenen, Umtrunk der Fallera Mayor, Umtrunk des Präsidenten, Merienda der Fallera Mayor Infantil, Kinderprogramm über Kochkurse, Filmvorführung bis hin zu Zauberkünstlern, Abendessen, Ansprachen, nächtlichen Partys… aber noch wichtiger als das Festzelt ist die Straße selbst. Mit Ausnahme eines kleinen Zeitfensters in den sehr frühen Morgenstunden stößt man zu jeder Zeit auf einen Haufen Kinder, um den Hals eine Holzkiste, deren Inhalt jedes pyrotechnische Herz aufblühen lässt, in der Hand ein glimmender Docht und in der anderen ein paar Böller oder Knallmatten. Keine Ahnung, wieviel Tausende von Euro die valencianischen Großeltern jedes Jahr mit Böllern verpulvern und ja, eigentlich finde ich böllern scheiße, ich habe sogar Angst davor, zucke bei jedem Kanll zusammen wie das Kaninchen vor der Klapperschlange, die Tiere tun mir leid, meine Ohren tun mir leid, und trotzdem, Fallas ohne petardos? Undenkbar! Fallas ohne despertá? Unmöglich! Was gibt es Schöneres als um 8:00 Uhr morgens mit einem Einkaufswagen voller Böller durch die Straßen zu ziehen, um die Leute für einen weiteren Tag im Geiste der Fallas aus dem Bett zu böllern. Im Anschluß daran, ein Frühstück im Zelt: Churros, buñuelos und ensaimadas mit heißer Schokolade. Am 19. März, San José und damit dem letzten Tag, denn am Abend desselben werden alle Fallas verbrannt und besiegeln damit das Ende, frühstücken alle in Begleitung der Kapelle in der Wohnung der Fallera Mayor. Da die Wohnung meistens zu klein ist für alle Musiker und Einkaufswagenpyrotechniker, spielen die Musiker im Treppenhaus auf.

Während die Kinder böllern, malen, kicken, Piñatas zerschlagen, oder einfach spielen, stellen die Großen Stühle auf die Stasse, sitzen, reden, trinken, es wird zum Tanz aufgespielt, auf dem Asphalt werden Kochstellen aufgeschüttet, Paellas gemacht, gemeinsam gegessen. Die Fallas – vielleicht etwas verwirrend: Fallas heißt das ganze Fest, aber auch die zu einzelnen „Fallas“ zusammengeschlossenen vereinsähnlichen Gruppen, sowie die haushohen Skulpturen, die dem Fest ihren Namen gegeben haben – feierlich aufgebaut, sind, auch räumlich, Mittelpunkt des Geschehens, alles geschieht um sie herum, immer wieder ziehen Leute vorbei, die sich von Falla zu Fallas ziehen, ständig posiert dieser und jener für ein Erinnerungsfoto vor der Falla. Alles steht auch unter dem Deckmantel des Wettbewerbs, es gibt Preise für die schönste Falla, für das beste Feuerwerk, die großartigste Beleuchtung. Die Preise werden feierlich vor dem Rathaus in Emfpang genommen. Dazu werfen sich alle in Schale, die Frauen und Mädchen tragen den traditionellen Haarschmuck, wozu sie stundenlang frisiert werden, mit dem sie teilweise sogar schlafen, um sich die erneute Prozedur des Frisierens zu ersparen. Und die Kleider, die Kleider! Ja, viele Stunden verbringt man auch damit, sich oder seine Kinder in die Trachten zu packen. Und überhaupt! Mehrmals täglich an- und ausziehen, und die Haarteile zwicken, und das Tuch verruscht und die Jungen schlappen aus den Schuhen. Aber ich frage mich jedes Jahr, weshalb wir so häßliche Klamotten anziehen, wenn es auch so schöne gibt. Leider sieht das nicht jeder so. Ich glaube, dafür würde ich sogar wieder in die Kirche gehen. Wenn sich die Leute im Gegenzug verpflichten würden, diese schönen Kleider zu tragen. Überhaupt, die Messe am San José, zu der die Trachten (man Trachten klingt so bieder, da denke ich an rote Bommel auf Schwarzwaldhüten und kummerfaltige Männergesichter) ebenfalls getragen werden, auch diese Messer darf nicht fehlen. Das gibt dem Ganzen etwas Hehres, so als würde man sich nicht aus Eitelkeit oder Oberflächlichkeit herausputzen, die eigene Wichtigkeit wird zurückgeschraubt. In dieser Messe kann ich so gut abschalten. Das Gesprochene dringt nur in Fetzen zu mir, ab und zu schnappe ich etwas auf, das mich zu neuen Gedankenketten fürht, ich lasse mich von Weihrauch, Orgal und Gesank benebeln. Wann hat man sonst schon noch so viel Zeit, um seinen Gedanken nachzugehen ohne abgelenkt zu werden?

Dann noch die Ofrenda, auch in Trachtenkleidern, bei der der jede Falla an der Verge dels Desamparats vorbeischreiten darf und jede Fallera der Madonna eine Blume für ihr Nelkenkleid überreicht.

Nicht zu vergessen die Cremá, mit der die Fallas ihr fulminantes Ende finden. Um circa neun Uhr abends werden zunächst die Fallas infantiles abgebrannt. Um Mitternacht dann die großen und eine Stunde später die Alleretzte, die Falla auf der Plaza del Ayuntamiento.

Natürlich gibt es zu jeder Gelegenheit ein Feuerwerk. Und Bier.

Ja, Bier ist gut, das darf ich nicht vergessen, ruft mir Ángel vom Sofa aus zu.

Wenn du was vom Bier schreibst kommen auch mal ein paar Deutsche bei uns vorbei. („Bier va a traer a los alemanes a nuestra falla).

Vane: „Ja, mach mal Werbung für die Falla Azcárraga.“

„En Fallas no se folla“, das musst du auch unbedingt schreiben, fügt sie noch hinzu.

Womit sich das mit der Werbung gegessen hat.