Lieblings bücher

Auf einer ereignislosen Gartenparty stellte mir neulich jemand vor versammelter Mannschaft die scheinbar unverfängliche Frage nach meinem Lieblingsbuch. Ich verfiel in Gestammel, durchforstete parallel mein Gedächtnis und geriet in Panik. Mir fiel kein Buch ein. Kein Titel, kein Autor, nicht einmal ein Genre. Wie hieß nur das Buch im Mai, das mich so umgehauen hatte? Und all die Bücher, die ich nach der Leipziger Buchmesse gelesen hatte? Und wie heißt überhaupt das Buch, das ich jetzt gerade lese? Nichts. Schon gar kein Lieblingsbuch. Ich kam mir vor wie eine Betrügerin.

Aber vielleicht ist das gar nicht meine Schuld. Ein Lieblingsbuch – gibt es das überhaupt? Ist das der Druck des Ultimativen? DAS Lieblingsbuch? Schon während des Studiums hatte ich damit so meine Probleme. Seminararbeiten zogen sich endlos hin, aber nicht während der Schreibphase, sondern aufgrund der Themenwahl. DAS Thema zu finden war die Schwierigkeit. Hatte ich ein Thema gefunden, entwickelte ich Ideen, sammelte Literatur, las, hielt ein Referat,  begann, an der Großartigkeit des Themas zu zweifeln, änderte das Thema, wechselte das Seminar, den Dozenten, die Uni.

Und bei Büchern? Ist das alles? Bücher bedeuten uns doch etwas. So wie gute Momente, Freunde, Liebhaber. An die erinnert man sich auch nicht ständig. Plötzlich stößt man auf ein Foto, auf ein Wort, ein Bild. Die Erinnerungen sind wieder da. Mit voller Wucht. Wie ein Buch. Wenn es gut ist, schlägt es ein.

Andere Erinnerungen glänzen mit regelmäßiger Präsenz. Sie ermahnen oder erfreuen mich, sind hilfreich, lehrreich, machen glücklich. Mit Büchern geht mir das auch so. Plötzlich kommen sie mir in den Sinn. Zunächst sind sie ständig da. Fiktionale Wirklichkeit macht sich in meinem Alltag breit. Ist der Roman ausgelesen, trägt meine Befindlichkeit Trauer. Irgendwann erscheint ein neuer Roman auf der Bildfläche. Löst den Vorgänger ab. Beindruckt mich. Eine Zeitlang. Ein paar Bücher lese ich zweimal. Manche sogar öfter. Einige würde ich jetzt vielleicht gar nicht mehr mögen, würde ich sie nochmal lesen.

Vielleicht wäre eine Hassliste einfacher? Manche Bücher sind einfach schlecht. Aber selbst da gab es welche, die ich furchtbar fand und Jahre später dann doch gut.

Ich liebe gute Geschichten, schöne Wörter, ungeahnte Wendungen, aufregende Sprachexperimente, stilvolle Schlichtheit, schnodderige Jugendsprache, aufgeladene Bilder. Wie wahrscheinlich jeden auf dieser Welt können mich Bücher berühren, begeistern, bewegen, zum Umdenken zwingen, zum Lachen bringen oder zum Weinen, mich nachdenklich machen oder traurig, verzweifelt, glücklich, betroffen, wütend, neue Blickwinkel aufzeigen, mich trösten, mich verändern, mich prägen.

Und die Titel? Die Lieblingsgeschichte? Stress. Mein Hippocampus fährt seine Aktivität runter. Dann ist alles dunkel. Lieblingsbuchblackout. Oder eben auch Lieblingsmomentblackout. Oder Lieblingsliebhaberblackout? Die Liste ist lang. Und welcher ist dein Lieblingsblackout?

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