Fallas de Valencia 2016

Warum geht das immer so schnell? Vor ein paar Tagen steckten wir noch mittendrin, jetzt sitze ich hier und gucke mir nur noch Fotos an. Die Fallas sind vorbei. Die Straßen sind leer. Nein. Voll. Voller Autos. Verkehr. Der ist in Valencia lebensgefährlich. Ich glaube, das ist überhaupt das beste an diesem Fest. Dass eine Woche lang fast die gesamte Innenstadt für jeglichen Verkehr gesperrt ist. Die Straßen gehören endlich wieder uns. Alle gehen zu Fuß  und es ist gar nicht so heiß. Gar nicht so weit. Gar nicht so schlimm. Die Kinder können alleine nach unten gehen. Sie können sogar alleine vor die Tür gehen. Und auf der Straße spielen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein eingesperrter Tiger. Öffne ich unten die Tür, zischen die Autos an mir vorbei. Ein Windstoß bringt mich zum Taumeln, ich falle schwankend auf die Straße und der nächste Bus fährt mich zu Brei. Die Stadt gehört den Autos. Warum lassen wir das zu?

Aber das war gar nicht mein Thema. Es ging um die Falles. Ja, die Falles … Es gibt so viele Facetten, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Die heilige Familie auf dem Sofa trinkt Bier, guckt Fußball. Ich frage sie, wo ich anfangen soll. Fehler. Jeder hat einen Beitrag und ich verstehe nichts bei dem Geschrei. „Fallas por dentro“, nenn es „fallas por dentro“. Hatte ich auch schon überlegt. Aufdröselung in „Falles por dentro“ und „falles por fuera“. Por fuera, also aus der Außenperspektive heißt soviel wie: man zieht von morgens bis abends durch die Stadt und besucht alle, wirklich alle, großen Fallas, sitzt spätestens eine Stunde vor Beginn der Mascletà auf einem mitgebrachten Hocker vor dem Rathaus, berauscht vom Lärm torkelt man weiter, stolpert vorbei an böllerwütigen Kindern, fühlt sich wie im Krieg, bleibt stehen – eine Horde von Falleros zieht vorüber, im Gefolge die hauseigene Kapelle, Kinder tanzen zum Himno de Valencia, die Prozession bleibt ebenfalls stehen, um eine benachbarte Falla mit hauseigener Kappelle im Gefolge vorbeihampeln zu lassen, man steht stundenlang am Straßenrand, um die prozessierenden Falleros zu bewundern, die Kleider, den Haarschmuck, die Schuhe, die Stoffe, die Farben, nachts zieht man durch die prämierten Calles Iluminadas, rennt zur Nit de Foc und zum Gratiskonzert im alten Bett des Turia, trinkt Bier, ißt Paella, tunkt Buñuelos in flüssige Schokolade.

Fallas aus der Innenperspektive: Leben auf der Straße. Die Woche der Wohnung als Munitionslager. Dorthin geht man nur um Nachschub zu holen: frische Klamotten, Böller, Geld. In der Innenstadt ein Strom aus Menschen. Wirklich, Massen. Aber nicht so deeskalierte Massen wie bei anderen Festen in anderen Städten. Karneval zum Beispiel. Dort scheint das Hauptziel saufen zu sein. Ich mag saufen. Aber nicht, wenn einem zu einem Fest kein anderes Schlagwort als Saufen einfällt. Saufen kann man hier aber auch ganz gut. Aber auch ganz viel anderes. Und jetzt wird es kompliziert. Das ganz Fest heißt „les Falles“, Falles, das ist valencianisch, die Muttersprache der Region. Auf spanisch heißt es Fallas. Nicht sehr weit entfernt. Ein Hauptbestandteil sind große Figuren, ja ganze Figurengruppen, manchmal so groß wie ein Haus, ehemals aus Pappmaché, mittlerweile aus streitbareren Materialien. Sie sind Dreh- und Angelpunkt, werden besucht, bestaunt, prämiert – und am Ende verbrannt. Dazu später mehr. Jede Falla (Skulpturengruppe) gehört zu einer Gruppe von Leuten, einer Art Verein, meistens sind das die Bewohner von ein und mehreren Straßen, die sich zusammengschlossen haben. Gemeinsam treffen sie Beschlüsse, wählen den Künster aus, der die Falla (Skulptur) entwirft und baut und kümmern sich überhaupt um die gesamte Organisation. Jede Falla stellt jedes vier Repräsentanten: Eine Fallera Mayor, eine Frau, meistens jung, ist aber keine Bedingung, die zu allen offiziellen Akten gehen muss, begleitet wird sie vom Presidente. Das gleiche gibt es nochmal in klein: eine Fallera mayor infantil und einen Presidente infantil. Ein Mädchen, ein Junge. Dergleichen gibt es in jeder Falla (Verein) auch eine Falla infantil (Skulpturengebilde), die Falla für die Kinder. Dieses Skulpturengebilde ist aufgebaut, wie das große, aber kleiner und meistens mit niedlichen Motiven, die Kinder vermeintlich ansprechen. Jede Falla stellt ein Festzelt in eine Ecke oder mitten auf die Kreuzung, jederzeit Treffpunkt für diverse Aktivitäten: Frühstück, Mittagessen für die Kinder, Mittagessen für die Erwachsenen, Umtrunk der Fallera Mayor, Umtrunk des Präsidenten, Merienda der Fallera Mayor Infantil, Kinderprogramm über Kochkurse, Filmvorführung bis hin zu Zauberkünstlern, Abendessen, Ansprachen, nächtlichen Partys… aber noch wichtiger als das Festzelt ist die Straße selbst. Mit Ausnahme eines kleinen Zeitfensters in den sehr frühen Morgenstunden stößt man zu jeder Zeit auf einen Haufen Kinder, um den Hals eine Holzkiste, deren Inhalt jedes pyrotechnische Herz aufblühen lässt, in der Hand ein glimmender Docht und in der anderen ein paar Böller oder Knallmatten. Keine Ahnung, wieviel Tausende von Euro die valencianischen Großeltern jedes Jahr mit Böllern verpulvern und ja, eigentlich finde ich böllern scheiße, ich habe sogar Angst davor, zucke bei jedem Kanll zusammen wie das Kaninchen vor der Klapperschlange, die Tiere tun mir leid, meine Ohren tun mir leid, und trotzdem, Fallas ohne petardos? Undenkbar! Fallas ohne despertá? Unmöglich! Was gibt es Schöneres als um 8:00 Uhr morgens mit einem Einkaufswagen voller Böller durch die Straßen zu ziehen, um die Leute für einen weiteren Tag im Geiste der Fallas aus dem Bett zu böllern. Im Anschluß daran, ein Frühstück im Zelt: Churros, buñuelos und ensaimadas mit heißer Schokolade. Am 19. März, San José und damit dem letzten Tag, denn am Abend desselben werden alle Fallas verbrannt und besiegeln damit das Ende, frühstücken alle in Begleitung der Kapelle in der Wohnung der Fallera Mayor. Da die Wohnung meistens zu klein ist für alle Musiker und Einkaufswagenpyrotechniker, spielen die Musiker im Treppenhaus auf.

Während die Kinder böllern, malen, kicken, Piñatas zerschlagen, oder einfach spielen, stellen die Großen Stühle auf die Stasse, sitzen, reden, trinken, es wird zum Tanz aufgespielt, auf dem Asphalt werden Kochstellen aufgeschüttet, Paellas gemacht, gemeinsam gegessen. Die Fallas – vielleicht etwas verwirrend: Fallas heißt das ganze Fest, aber auch die zu einzelnen „Fallas“ zusammengeschlossenen vereinsähnlichen Gruppen, sowie die haushohen Skulpturen, die dem Fest ihren Namen gegeben haben – feierlich aufgebaut, sind, auch räumlich, Mittelpunkt des Geschehens, alles geschieht um sie herum, immer wieder ziehen Leute vorbei, die sich von Falla zu Fallas ziehen, ständig posiert dieser und jener für ein Erinnerungsfoto vor der Falla. Alles steht auch unter dem Deckmantel des Wettbewerbs, es gibt Preise für die schönste Falla, für das beste Feuerwerk, die großartigste Beleuchtung. Die Preise werden feierlich vor dem Rathaus in Emfpang genommen. Dazu werfen sich alle in Schale, die Frauen und Mädchen tragen den traditionellen Haarschmuck, wozu sie stundenlang frisiert werden, mit dem sie teilweise sogar schlafen, um sich die erneute Prozedur des Frisierens zu ersparen. Und die Kleider, die Kleider! Ja, viele Stunden verbringt man auch damit, sich oder seine Kinder in die Trachten zu packen. Und überhaupt! Mehrmals täglich an- und ausziehen, und die Haarteile zwicken, und das Tuch verruscht und die Jungen schlappen aus den Schuhen. Aber ich frage mich jedes Jahr, weshalb wir so häßliche Klamotten anziehen, wenn es auch so schöne gibt. Leider sieht das nicht jeder so. Ich glaube, dafür würde ich sogar wieder in die Kirche gehen. Wenn sich die Leute im Gegenzug verpflichten würden, diese schönen Kleider zu tragen. Überhaupt, die Messe am San José, zu der die Trachten (man Trachten klingt so bieder, da denke ich an rote Bommel auf Schwarzwaldhüten und kummerfaltige Männergesichter) ebenfalls getragen werden, auch diese Messer darf nicht fehlen. Das gibt dem Ganzen etwas Hehres, so als würde man sich nicht aus Eitelkeit oder Oberflächlichkeit herausputzen, die eigene Wichtigkeit wird zurückgeschraubt. In dieser Messe kann ich so gut abschalten. Das Gesprochene dringt nur in Fetzen zu mir, ab und zu schnappe ich etwas auf, das mich zu neuen Gedankenketten fürht, ich lasse mich von Weihrauch, Orgal und Gesank benebeln. Wann hat man sonst schon noch so viel Zeit, um seinen Gedanken nachzugehen ohne abgelenkt zu werden?

Dann noch die Ofrenda, auch in Trachtenkleidern, bei der der jede Falla an der Verge dels Desamparats vorbeischreiten darf und jede Fallera der Madonna eine Blume für ihr Nelkenkleid überreicht.

Nicht zu vergessen die Cremá, mit der die Fallas ihr fulminantes Ende finden. Um circa neun Uhr abends werden zunächst die Fallas infantiles abgebrannt. Um Mitternacht dann die großen und eine Stunde später die Alleretzte, die Falla auf der Plaza del Ayuntamiento.

Natürlich gibt es zu jeder Gelegenheit ein Feuerwerk. Und Bier.

Ja, Bier ist gut, das darf ich nicht vergessen, ruft mir Ángel vom Sofa aus zu.

Wenn du was vom Bier schreibst kommen auch mal ein paar Deutsche bei uns vorbei. („Bier va a traer a los alemanes a nuestra falla).

Vane: „Ja, mach mal Werbung für die Falla Azcárraga.“

„En Fallas no se folla“, das musst du auch unbedingt schreiben, fügt sie noch hinzu.

Womit sich das mit der Werbung gegessen hat.

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